Technik-Sprechstunde für Schleswig-Holstein gestartet
Kiel, 23.03.26 – Digitale Überwachung, Stalking über Standort-Tracker und Spionage-Apps sind für viele Betroffene von Gewalt im privaten Umfeld bittere Realität. Mit einem Modellprojekt starten die Initiative „Ein Team gegen digitale Gewalt“, der Landesverband Frauenberatung (LFSH) und die Landesarbeitsgemeinschaften der autonomen und trägergebundenen Frauenhäuser das erste flächendeckende Angebot gegen digitale Gewalt in Schleswig-Holstein. Durch eine Technik-Sprechstunde erhalten Berater*innen und Betroffene ab sofort direkte Unterstützung.
Ein wachsendes Problem und dringender Handlungsbedarf
Digitale Mittel werden immer häufiger zur Kontrolle, Nachverfolgung und Einschüchterung eingesetzt. Täter können mit technischen Mitteln Betroffene ausfindig machen, ihre Kommunikation überwachen – und dadurch auch Schutzräume gefährden.
Fachkräfte im Gewaltschutz sind mit komplizierten technischen Formen von Gewalt konfrontiert, das Problem erfordert spezialisierte Unterstützung. Die Expert*innen von „Ein Team gegen digitale Gewalt“ bringen nun auf den Bedarf abgestimmte Technikkompetenz in Frauenhäuser und Beratungsstellen.
„Mit der Technik-Sprechstunde unterstützen wir Betroffene bei der Absicherung ihrer Geräte und entlasten gleichzeitig die Fachkräfte vor Ort“, sagt Projektleiterin Inga Pöting. „Die digitale Welt ist komplex und entwickelt sich ständig weiter. Als externe Expert*innen sind wir technisch immer auf dem neusten Stand, was für die Einrichtungen selbst nicht leistbar ist.“
Neue Anlaufstelle für akute Fälle digitaler Gewalt
Anfang März 2026 begann der Second-Level-Support für Fachkräfte und Betroffene. Bei akuten Fällen digitaler Gewalt können Einrichtungen sich per Telefon- oder Videogespräch an „Ein Team gegen digitale Gewalt“ wenden. Damit ist in komplexen oder akuten Bedrohungssituationen erstmals schnelle und verlässliche technische Unterstützung verfügbar. Eine Verstetigung des Angebots nach Abschluss des Modellprojekts im April 2027 wird angestrebt.
Zur Vorbereitung auf das Angebot erhielten Fachkräfte aus rund 50 Einrichtungen im Rahmen des Projekts Schulungen mit Basiswissen zum Schutz vor digitaler Überwachung, Kontrolle und Belästigung.
Die Gleichstellungsministerin Aminata Touré erklärte bei der Vorstellung des Projekts in der Kieler Frauenhausberatungsstelle Die Lerche:
„Gewalt gegen Frauen hat mit dem technologischen Fortschritt eine neue, gefährliche Dimension erreicht. Gewalt, Kontrolle und Stalking werden noch schneller und einfacher und sind im Zweifel schwer nachzuverfolgen. Wir brauchen Projekte wie dieses, die Fachkräfte im Umgang mit digitaler Gewalt gezielt schulen und Betroffene konkret unterstützen.“
Die Dachorganisationen in Schleswig-Holstein begrüßen die Initiative:
„Bei digitaler Gewalt geht es – wie bei anderen Formen von Gewalt in Partnerschaften – um Macht und Kontrolle. Wenn Betroffene die eigenen Geräte und Accounts sichern können, gewinnen sie Sicherheit und damit ein Stück Selbstbestimmung zurück. Durch das Projekt können Frauenfachberatungsstellen sie auf dem Weg in ein gewaltfreies Leben noch besser unterstützten.“ – Lena Mußlick, Landesverband Frauenberatung (LFSH)
„Digitale Gewalt ist eine Form von Gewalt, die spürbar wächst. Zum Beispiel ist bei einer Aufnahme ins Frauenhaus die Kontrolle digitaler und sozialer Medien oft ein Sicherheitsrisiko für Frauen und Kinder. Hier brauchen unsere Fachkräfte Unterstützung – durch Weiterbildung und kompetente Ansprechpersonen aus der Technik.“ – Lilian Grösser, Landesarbeitsgemeinschaft der autonomen Frauenhäuser
Über „Ein Team gegen digitale Gewalt"
Die Initiative wurde 2022 am Institut für Technik und Journalismus e.V. in Berlin gegründet und bietet bundesweit Schulungen und Beratung für Fachkräfte im Gewaltschutz.
Das Modellprojekt in Schleswig-Holstein wird von der Deutschen Postcode Lotterie und der Heidehof Stiftung gefördert. Die Laufzeit beträgt zwei Jahre; spezialisierte Mitarbeiter*innen sichern den technischen Support, begleitet von Intervision und Supervision.